“Wir sind schon mal reingegangen”

Wenn Menschen sich in Ausnahmesituationen befinden, machen sie ja die unmöglichsten Sachen. Die wenigsten reagieren auf Notfälle in der eigenen Familie überlegt. Manchmal allerdings bin ich geradezu überwältigt wie viel Hirn sich abschaltet, wenn es am meisten gebraucht wird.


Wenn ein Mensch nach Hause kommt und seine Frau bewusstlos in der Wohnung vorfindet, erwartet niemand Nobellpreis verdächtige Gedanken oder Situationsanalysen. Aber ein Mindestmaß an logischem Denken ist nicht zuviel verlangt. Da bewundere ich ja die Tierwelt. Tiere machen instinktiv das Richtige. Uns Menschen gelingt dies nicht einmal, wenn das Leben eines lieben Menschen davon abhängt.
Was also ist die Naheliegenste in oben beschriebener Situation?
Allen die jetzt reflexartig “Rettungsdienst rufen” denken kann ich versichern: falsch, gaaaanz falsch.

Also folgendes Vorgehen wird von ausgewiesenen Fachleuten empfohlen:
1. Panisch die Telefonnummer des Hausarztes suchen
2. Diesen versuchen anzurufen
3. Sich maßlos darüber ärgern, dass Dauerbesetzt ist (ok das ärgert mich auch immer)
4. Da man am Telefon nix geworden ist 16 km zum Hausarzt fahren und um Audienz bitten
5. Den Anweisungen des Arztes folgen, nachdem dieser einem glaubhaft versichern konnte, dass es (noch) keine Tabletten gegen Bewusstlosigkeit gibt
Die “Anweisung” des Arztes muss so oder so ähnlich gelautet haben:
“Sind sie nicht ganz dicht? Sehen sie zu das sie nach Hause kommen! Ich rufe den Rettungsdienst.”
Nunja, 16 Kilometer wollen erstmal im Feierabendverkehr gefahren werden und da wir uns bei solchen Meldungen durch stimmungsvolle Beleuchtung (das passt auch so schön in die Zeit) und die sakralen Gesänge des St. Martin (ich glaub den hab ich vom rettungsblog schönes ding) Platz verschaffen, waren wir nun auch weit vor dem Herrn mit dem Schlüssel vor Ort.

Fassen wir kurz die Situation zusammen:
- Person seit Längerem nicht ansprechbar hinter verschlossener Tür
- Klopfen und Klingeln bleibt unbeantwortet
- gesicherte Lage (also kein “könnte sein” oder “schaut doch mal”)

Alles in allem ein klarer Fall für den Einsatz von Rescue 2000 (Insider wissen: so heißen unsere Einsatzstiefel).
Ein kurzer koordinierender Blick zu meinem Kollegen und zwei Kampfspotler rücken der Tür mit ihren Stiefeln aufs Funier.

Ups…
So oft machen wir das ja auch nicht. Da haben wir wohl die Widerstandskraft einer handelsüblichen Wohnungstür überschätzt. Das blöde Teil fliegt samt Türrahmen in den Flur. In diesem Moment kommen die Kollegen vom NEF. Der Notarzt kommentiert unsere Heldentat mit einem Schulterklopfen und den Worten: “Na, wohl zu lange die Brust bekommen”.
Egal.
Hier soll Leben gerettet werden also nicht kleckern sonden klotzen. Wir suchen unsere Patientin und finden sie immernoch nicht ansprechbar in der Küche. Recht schnell steht die Arbeitsdiagnose: Schlaganfall.
Da die Kollegen auf dem NEF zu dritt unterwegs waren, beschlossen mein Kollege und ich den “Müll” vom Flur zu räumen.
Nun trifft auch der Herr der Schlüssel ein. Er steht vor dem Loch in welchem seiner Zeit noch eine Tür war, sucht mit dem Schlüssel in der Hand das Schloß und schaut ungläubig bis stark verwirrt auf die Türgarnitur im Flur. Ich muss mich echt zusammenreissen um nicht los zu lachen. Die Situation ist original wie aus einem Film.

Mein Kollege fühlt sich gezwungen irgendetwas zu sagen:
“Wir sind schon mal reingegangen”

8 Responses to ““Wir sind schon mal reingegangen””

  1. Carsten says:

    auch nicht schlecht :-)

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  2. Chris says:

    Hehe, sehr schön geschrieben. Das mit den sakralen Gesängen muss ich mir merken *lol*

    Ich hoffe, ihr habt ihm auch die frohe Botschaft verkündet, dass die 112 deutlichst billiger gewesen wäre als Spritkosten und Tür und dass seine Frau dadurch vermutlich auch ein besseres Outcome gehabt hätte.

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  3. campino says:

    Folgende Werbeanzeigen werden angezeigt:

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    Alte Türen wieder neu Türen und Rahmen nie mehr streichen. Über 500 Fachbetriebe in Europa
    (ob das noch hilft?)

    T30 Türen im Shop Hörmann Türenversand 10€ je Tür Verschiedene Größen + Zubehör

    Ich mag google ads ;)

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    RetterBlogger Reply:

    Ich finde die auch göttlich! Beim Post “HighTech im Pflegeheim” steht links:

    “Pflegepersonal aus Polen Gute und günstige Pflegekräfte für Ihre lieben Angehörigen, 24 Std.!” :lol:

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  4. Dudu says:

    GENIAL!!! LOL
    Und die sakralen Gesängen sind einfach Spitze! :)

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  5. Fischkopp says:

    Insgesamt eine wunderhübsche Geschichte – und ihr solltet dem Herrn (oder einer anderen beliebigen Instanz eurer Wahl) danken, daß die Patientin nicht im Flur lag und von der hereinfliegenden Tür erschlagen wurde…

    Nein – ich hätte es vermutlich auch nicht anders gemacht.

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  6. m. tubert says:

    bzgl. der Werbeanzeigen finde ich auch recht lustig:

    “Türen + Fenster abdichten
    neue Dichtungen gegen Zugluft, Kälte und Energieverlust”

    Ich schätze mal, dass der gute Mann nach der Aktion ein ganzes Loch in der Wand gegen Zugluft, Kälte und Energieverlust abdichten musste und nicht nur die Tür.

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  7. Sarah says:

    Schlappgelacht!

    Tolles Blog, danke dafür.

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