Warum eigendlich “Halbgötter in Weiss”? Teil 1

Lange Zeit hat mich diese Frage beschäftigt. Warum nennt man Ärzte so? Gibt es eine besondere Gabe die diese Menschen in die Wiege gelegt bekommen haben? Wie bei Herkules? Meinten es die Götter des Olymp mit Ärzten genauso gut wie mir dem altgriechischem Helden?

So ganz klar ist es mir immer noch nicht, aber seit kurzem habe ich eine ungefähre Vorstellung.

Zu mindestens was einen Hausarzt angeht…

Freitag Nachmittag – Kaffeezeit. Wir werden wieder mal von der Störstelle in unserer täglichen “Einsatznachbesprechung” gestört.

Es ist auch wieder höchste Eile geboten. Ein Bürger in Not hat Nasenbluten…

Selten dürfen wir bei solchen Einsätzen die  Nase noch bluten sehen. So auch hier! Ein älterer Herr erklärt uns, dass seine Nase bestimmt “10 Minuten wie Sau geblutet hat”.

Normaler Weise werde ich in solchen Momenten immer etwas ruhiger, um nicht ausfallend zu werden. Warum müssen wir uns dauert rot verkrustete Nasen ansehen?

Dieser Herr aber hat echte Angst! Er wollte kein Taxi. Seine Vorerkrankungen lesen sich wie ein klinisches Wörterbuch. Wir können ihn verstehen und beruhigen ihn erstmal. Zu einer richtigen Beruhigung gehört natürlich eine gründliche Untersuchung, also ab in RTW. So wie sich der Herr jetzt darstellt ist er medizinisch nichts für ein Krankenhaus. Damit tun wir ihm keinen Gefallen.

All unsere Bemühungen helfen nix. Es muss ein Beruhigungsspezialist her – sein Hausarzt!

Wir erreichen nach 20 Minuten den Studierten der sich auch gleich auf den Weg macht. Weitere 15 Minuten später ist er auch schon da.

Mein Kollege kontrolliert gerade den Blutdruck erneut als sich die RTW-Tür öffnet.

Herr Dr. med. Sonnenschein begrüßt kurz den Patienten und liefert uns sofort ungefragt die Antwort auf die Eingangsfrage.

“Das messen können sich sich sparen meine Herren. Der Druck ist 130/85!”

Wir sind sprachlos und etwas peinlich berührt. Viele Jahre haben wir schon wie Volldeppen mit einem Blutdruckmessgerät gearbeitet und da kommt ein Mensch (oder besser ein Arzt) an und kann all diesen technischen Aufwand mit einem Blick ersetzten. Es ist niederschmetternd.

Erleichtert über diesen halbgöttlichen Beistand, bitten wir den Arzt in den RTW um dem Patienten zu erklären, dass es mal vorkommen kann das die Nase blutet.

Wieder erhalten wir eine Le(e)hrstunde.

Mit seinem übermenschlichem Blick erkennt der Mediziner sofort, dass auch hinter Nasenbluten eine schwere wenn nicht gar lebensbedrohende Krankheit stecken kann und erzählt dieses dem Patienten. Die Worte sind aber an uns gerichtet. Er lässt uns und den armen Mann auf der Trage an seinem unerschöpflichen Wissen über den Inhalt von Pandoras Dose teilhaben.

Seine Vorlesung bleibt nicht unbelohnt.

Die angeschlossenen automatische Blutdruckmessung registriert einen explosionsartigen Anstieg des Blutdruckes.

Mein Kollege versucht dem Arzt leise den Wert von 200/110 mitzuteilen. Der Medikus wiederholt den Wert nachdenklich und vor allem laut! Jetzt kommt auch noch Herzrasen dazu.

Unser Patient hat jetzt richtig Angst! “Meinen Sie das es vom Herzen kommt?”

Nein nein, alles halb so wild! “Nun beruhigen Sie sich mal und dann ist das auch wieder gut. Ich schaue heute Abend noch mal nach ihnen” sprach es und verließ den RTW.

“Was ich soll bis heute Abend alleine bleiben?”

Und da war es wieder. Der Blutdruck ist auf 230/110 gestiegen und aus der Nase sprudelt es.

Mein Kollege ruft den Arzt zurück (warum weiß ich nicht). Ihm wird mitgeteilt das der Druck jetzt die Schallmauer durchbrochen hätte und die Nase wieder blutet.

“Meine Herrn” wieder dürfen wir an dem Reichtum von Wissen und Gabe teilhaben “Nasenbluten hat nie etwas mit dem Blutdruck zu tun!”

Wir sind schon wieder baff! Seit über 10 Jahren erzähle ich den Patienten mit Nasenbluten Lügen. Auch die Notärzte lügen wie gedruckt!

Noch mal zum mitschreiben:

Es ist völlig ausgeschlossen, dass die kleinen Gefäße in der Nase durch einen mörderischen Druck platzen.

Warum erzählt mir sowas keiner bevor ich mich blamiere? Ich fühle mich schlecht

Wir wollten dem Patienten etwas gutes tun und ihm einen Nachmittag im Krankenhaus ersparen. Normalerweise fährt man ins Krankenhaus in dem Wissen, dass der Gute 2 bis 3 Stunden auf der Aufnahme liegt, bevor er mal einen Arzt sieht. Dann eine Ansprache zum Thema Blutdruck und Nasenbluten bekommt. Nach ca. 4 bis 5 Stunden (wenn die Routineuntersuchungen durch sind) darf er sich dann ein Taxi rufen und nach Hause fahren, ohne das irgendetwas getan worden wäre (was auch).

Diesem Patienten allerdings haben wir mit dem Versuch, die Sache für ihn so angenehm wie möglich zu machen, eine echte Tortur beschert.

Wie es mit dem Armen weitergeht, gibt es im zweiten Teil…

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7 Responses to “Warum eigendlich “Halbgötter in Weiss”? Teil 1”

  1. gR3iF says:

    Au Backe…. Da bin ich heilfroh das ich einen halbwegs kompetenten Hausarzt habe der wenigstens bei Verdacht auf Noro Virus die richtigen Schritte einleitet…

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  2. [...] getroffen. Egal, ob in verschiedenen Beiträgen meines Blogs, oder auch beim Monsterdoc oder im RetterBlog, irgendetwas gibt es eben immer an den Doktoren zu bemängeln. Auch die kranke Schwester hat sich mit [...]

  3. Autsch. Einfach nur Autsch.
    Tröste dich ich belüge meine Patienten dann auch seit Jahren.

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  4. SteveHH says:

    … ich belüge meine Patienten auch immer .. aber da kann ich mit leben ;)

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  5. jaqueline says:

    und woher kam nun das nasenbluten ? das geht leider nicht hervor .. würde mich aber brennend interessieren.
    lg

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    RetterBlogger Reply:

    Mich auch!

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