Schwarz gefahren im Dienst? Warum nicht!?

Vor ein paar Wochen sollten wir einem hilflosen Herrn zur Hilfe eilen, der sich, laut Meldung auf Gleis 1 des Bahnhofes im Nachbarort befinden sollte.

Nach dem Aussteigen am Bahnhof begrüßte uns der Bahnhofsversteher (oder wie auch immer die heißen, die da arbeiten) und deutete in Richtung Bahnsteig.
“Der Verletzte liegt ca. 200 Meter hinter dem Bahnsteig neben den Gleisen. Da hinten wo der ICE steht.”

Na super! Ein etwas anderer Einsatz begann.

Wir erfuhren noch, dass der Mensch sich wohl einen Fuß gebrochen haben soll und nicht aufstehen könne.

Nach kurzer Besprechung mit meinem Kollegen entschlossen wir uns ALLES mitzunehmen. Inklusive Bahnsteig und Parkplatz lagen gut 400 Meter zwischen RTW und Patient. Die Hälfte davon ging es durch kniehohen Schnee neben den Gleisen im Schotterbett. Also zu weit um “Mal eben schnell” noch was zu hohlen.

Mit der Trage als Packesel näherten wir uns dem Patienten auf 200 Meter an. Ab hier ging es nur noch im Gänsemarsch weiter. Neben dem “Weg”  – ca. 50 cm breit, mit Schottersteinen als Untergrund – ging es gut 2,5 Meter steil runter bis zu einigen Schräbergrärten.

Ich schnappte mir meinen Teil vom Gerödel: Rucksack, Vakuumschienen, Schaufeltrage und… eh wo sind die Gurte?
Absprachengemäß war es die Aufgabe meines Kollegen, die Schaufltrage fertig zu machen und da gehören Gurte zu. Gerade bei so einem Gelände. Ohne hätte der  Patient mal eben im Schräbergraten landen können. Somit war auch klar, wer den Weg zum RTW noch einmal gehen muss. ICH nicht!

Also kämpfe ich mich als Vorhut allein zum Patienten durch.

Kurze Verschnaufpause… 1….2….3: “Hallo der Rettungsdienst, was ist passiert!”

Der Patient reagiert deutlich verzögert. Seine Pupillen sind auffallend weit. Er gibt an, schon die ganze Nacht da zu liegen. Jetzt ist es gegen Mittag und wir haben immer noch -10°C. Da er mir nicht schlüssig erklären kann, warum er vom Bahnsteig runter und hier lang gelaufen ist, glaube ich das mit “Ich liege die ganze Nacht hier” erst mal auch nicht so ganz.

Den gebrochenen Fuß gibt es nicht mehr. Er hatte wohl erwähnt, dass er sich vor kurzem den Fuß gebrochen hatte und das ist dann bis nach vorne zum Bahnhof via stille Post zu einer Akutlage geworden.

Dennoch kann er nicht aufstehen. Er ist schlapp. Die Beine sind ihm auch eingeschlafen und er wirkt auf mich deutlich abwesend.

Da er mit einem dicken Mantel und Pullover bekleidet ist und ich ihn hier draußen ungern für einen Untersuchung ausziehen möchte, messe ich satt Bludruck erst mal die Temperatur des Herrn im Ohr.

32,6°C!

Wow! Das mal ne Hypothermie!

“Wann sind sie denn von wo gekommen?” Da mein Kollege noch nicht wieder da ist und wir die Gurte dringend hier brauchen, versuche ich ein wenig mehr aus dem Herrn herauszubekommen, auch wenn es nicht wirklich hilft und überlege, wie wir hier wegkommen.

Jetzt bespreche ich das ganze mit dem Zugführer.

Ich: “Also über diesen Trampelpfad bekommen wir den nicht heil zum RTW. Selbst wenn noch welche mit anfassen. Hier kann man nur hintereinander gehen.”

Der ZF: “Und hier den Hügel runter?”

Ich: “Nein. Wir können nicht sehen was unter dem Schnee ist. Nachher legen wir uns alle auf die Nase und einer hängt im Stacheldraht… Wir könnten die Strecke sperren und über die Gleise auf die andere Seite zu Straße.”

Der ZF: “Da darf aber auch keiner stolpern das sind vier Gleise und dazwischen nur Schotter und Eis.”

Wir sehen uns etwas ratlos um. Hinter dem Zug verlässt gerade mein Kollege den Bahnsteig und ist auf dem Weg zu uns. Er geht am ICE entlang.

Ich blicke den Zugführer wieder an: “Kann die Kiste auch rückwärts fahren?”

Der ZF: “Hä?”

Ich: “Wir packen den Herrn auf die Schaufeltrage, schieben ihn seitlich hier vorne in den Zug, sie fahren uns zum Bahnhof und alles ist gut?!”

Der ZF: “Eigentlich ne gute Idee…”

Eigentlich? Ich finde die grandios! Aber warum tuschelt er jetzt mit dem Zugbegleiter? Jetzt soll der mir nicht erzählen son ICE hat keinen Rückwärtsgang. Dann beiße ich ihn!

Der ZF: “Da muss ich mir erst einen Fahrbefehl holen.”

Ich: “Einen was? Das Gleis ist doch eh gesperrt oder nicht? Wie lange dauert das?”

Der ZF lacht: “Ja sicher. Aber ich darf nicht einfach in die falsche Richtung fahren. Das wäre genauso als ob sie mit dem Krankenwagen einfach einkaufen fahren. Ich muss mal schauen wie lange die brauchen in der Leitstelle.” (Das ja wie bei uns hihi)

Jetzt muss ich lachen: “Wenn das das gleiche ist wie einkaufen mit dem RTW, ist das ja kein Problem!” Er schaut nur verwundert und fängt an zu telefonieren.

Inzwischen ist mein Kollege da. Ich erkläre ihm was wir uns hier ausgedacht haben. Er ist skeptisch (wie wir alle) . Dem Patienten ist das alles wurscht. Ihm ist nicht kalt… sagt er.

Gesagt getan. Vorsichtig fixieren wir den Patienten auf der Schaufeltrage und schieben ihn in den ICE. “Mein sehr verehrten Fahrgäste. Der Rettungsdienst hat die verletzte Person jetzt in den Zug geladen und wir fahren kurz in den Bahnhof zurück damit diese dort im Rettungswagen weiter behandelt werden kann. Danach können wir unsere Fahrt nach Hintertupfingen fortsetzten. Wir bitten um ihr Verständnis und bedanken uns bei Ihnen.” tönt es aus der Sprechanlage und wir fahren los.

Als ich zu meinem Kollegen sage, dass dies das erste mal ist, dass ich in einem ICE fahre, kommt eine Zugbegleiterin an und meint scherzhaft “Die Fahrkarten bitte!”.

“Diese 200 Meter sind doch wohl eher eine Gratis-Schnupper-Fahrt?!”

Sie lacht.

Im Bahnhof bringen wir die Trage auf Höhe und können den Herrn mit der Schaufeltrage ohne viel Aufwand auf die Trage ziehen. Und ab in den RTW.

Im Übrigen war der Herr wohl von Haus aus verwirrt und ist daher aus einem Zug ausgestiegen (ohne das er da hin wollte wo er jetzt war), in die falsche Richtung gelaufen und einfach sitzen geblieben.

Die Fahrkarte, die wir im RTW beim Ausziehen der nassen Sachen finden, ist tatsächlich vom Vortag!

Er hat seit ca. 23:55 Uhr bis kurz vor 12 dort bei unter minus 10°C ausgehalten.

Leider habe ich mir nicht aufgeschrieben von welchem Hersteller der Mantel war. Echt gutes Teil…

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  1. News vom Rettungsdienst…

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