Schön wenn alles klappt

Ich arbeite ja eher in einem ländlichen Bereich. Wenn dann das örtliche Krankenhaus der “maximal” Versorgung etwas nicht bearbeiten kann, verlegt man den Patienten halt einfach in eine Klinik in der nächst größeren Stadt. So kommt es immer wieder vor, dass wir uns in Krankenhäusern wiederfinden, in welchen wir uns auf Grund seltener Anwesenheit nicht so gut zurechtfinden. Und die machen es einem auch echt nicht leicht…

Naja, eigentlich fing das ganze schon bei uns im Krankenhaus an. Wir sollten also wieder jemanden verlegen und bekamen einen Transportschein in die Hand gedrückt,  der folgende Spezifikationen für den Transport vorsah:

Beförderungsmittel: “Krankentransportwagen”

Medizinisch-technische Ausstattung: “nein”

Medizinisch-fachliche Betreuung: “nein”

Begründung des Beförderungsmittels (na will jemand raten?): “Polytrauma

Dem Insider wird diese Kombination ein Lächeln ins Gesicht zaubern oder zum Kopfschütteln führen, je nach Burnoutstufe ;)

Wir schlossen also unsere nicht erforderliche Ausstattung unter Verwendung unseres nicht erforderlichen medizinischen Fachwissens am Patienten an, um ihn während der doch 60 km weiten Fahrt im Auge behalten zu können. Da wir mittels beigelegter Betäubungsmittel für die Schmerzfreiheit sorgen sollten, erschien uns der Aufwand erst recht in Ordnung.

Im Zielkrankenhaus angekommen steuerten wir auch gleich die uns mitgeteilte Station an ,um den Herren nun endlich seiner OP zuzuführen. Aber Pustekuchen! Mal nicht so schnell!

Eine der wichtigsten Regel im House Of God. (Pflichtlektüre für alle im Gesundheitswesen Tätigen und auch für alle anderen die wissen wollen wie es wirklich ist) lautet: “Immer erst ans abschieben denken”. Was so viel bedeutet wie “Finde einen Deppen dem du die Arbeit, welche für dich bestimmt ist, aufdrücken kannst!” Leiden unter dieser Philosophie tun dann immer mindestens zwei. Zum einen der, der die Arbeit dann bekommt und zum anderen  der Patienten (und die, die ihn bringen).

Also auf der uns genannten Station wusste man natürlich von nichts. “Nein nein hier hat keiner was angemeldet“. Natürlich hat uns das Krankenhaus zu Hause einfach mit einem Polytrauma losgeschickt, ohne Bescheid zu sagen und ohne sicher zu gehen, dass ein OP-Termin frei ist. Und auch  die Leitstelle hat die Voranmeldung unter den Tisch fallen lassen. Genervt von der Störung durch uns geht der diensthabende Arzt nach 5 minütiger Debatte mit uns, in welcher wir unter anderem auch für den Hunger in der dritten Welt verantwortlich gemacht werden,  zum Telefon einen Deppen suchen um die richtige Station zu suchen. Durch die Glasscheibe des Dienstzimmers sehen wir ihn mehrfach eifrig Diskutieren. Es dauert 8 Minuten.

Ohne uns anzusehen teilt er uns das neue Ziel mit.

ich: “äh… und wo finden wir das?

er: “seh ich aus wie die Auskunft? Da hinten hängt ein Lageplan. Wer lesen kann kommt da bestimmt weiter.(was für ein Riesenarsch)

Kollege: “Nu machen sie mal einen Punkt. Wir können nichts für ihren Weltschmerz!

Ich habe keinen Bock mehr mich mit diesem Ekel zu zanken und schiebe den Patienten und meinen Kollegen, der schon zum Gegenschlag Luft holt, in Richtung Lageplan.

Zweiter Stock, rechter Flur und am Ende noch mal rechts. Alles klar.

Der Fahrstuhl lässt uns 3 Minuten warten und dann geht es aufwärts. Raus aus dem Ding in den rechten Flur, ein ganzes Stück geradeaus und dann rech… Huch was ist das? Baustelle! An der Tür zur Station hängt ein Schild: “Wegen Umarbeiten finden sie die Station im Neubau zweiter Stock.”

…Nein!

Da es weder im Fahrstuhl noch auf der Etage auf der wir sind einen Hinweis gibt, wie zum Geier man in den Neubau kommt und in dieser Etage auch niemand zu arbeiten scheint, fahren wir wieder nach unten. Aber auch der Lageplan trifft keine Aussage zum Thema Neubau. Dieser Ausflug kostet uns weitere 5 Minuten und auch am Fahrstuhl dürfen wir wieder 2 Minuten warten.

Also zurück zur ersten Station unserer Site-Seeing-Tour.

Lächelnd werden wir von einer Schwester begrüßt: “Na klappt doch nicht mit dem lesen wa?!(Sie schüttelt den Kopf, es wird deutlich, dass sie sich über den Spruch des Arztes ärgert und etwas auflockern will, was auch klappt, ich muss lachen)

Schwester: “Wo hat er euch denn hingeschickt?

Kollege: “Auf die Innere Intensiv. Er sagte chirurgisch ist nichts mehr frei.”

Schwester: “Und ihr seit wieder hier, weil er euch nicht gesagt hat, dass die jetzt im Neubau ist … man man man!” Sie verdreht wieder die Augen und entschuldigt sich für etwas, wo sie (noch) nix für kann, indem sie uns netterweise bis zur Tür der Station bringt.

Juhu wir sind da!

Es kommt auch gleich ein Pfleger an. Das nenn ich mal prompte Bedienung, kaum da und schon kümmert sich einer um uns, einfach toll.

Pfleger aus 10 Meter Entfernung betont wichtig und patzig: “Was wollt ihr hier?(och nö! War wohl nix mit kümmern!)

Kollege: “Dürfen wir hier im Haus Rosen verkaufen?

Ich: “Dr. House von der Aufnahme hat hier eben angerufen und uns angemeldet.

Pfleger: “Nein hat er nicht!

Kollege bockig: “Hat er doch!

Pfleger: “Nein hat er nicht!

Kollege: “Doch hat er!(Ich hoffe die beiden fangen nicht gleich an zu trampeln und zu kreischen)

Pfleger: “NEIN! HAT ER NICHT! Stellen sie mich hier als Blödmann hin?(machen wir nicht, könnte aber gut passen)Was fällt ihnen ein? Was denken sie wer sie sind? Was denken sie wer ICH bin?

Mein Kollege holt Luft. Ich platze zwischen den Kindergarten nun auch äh … ich sag mal ungehalten aber mit einem diabolischen Lächeln und scheiße freundlich.

Halten sie es für möglich, dass man ihnen und der Putzfrau einfach nur nicht Bscheid gesagt hat? Holen sie doch bitte einfach mal den Stationsarzt und gut. Danke schön

Der Pfleger dreht sich empört um und verschwindet. Zwischendurch versuchen wir immer wieder unseren Patienten davon zu überzeugen, dass es nicht an ihm liegt und es hier wohl immer so zu geht. Wir warten geschlagene 9 Minuten. Langsam schmerzen meine Füße. Als Rettungsassistent ist man es einfach nicht gewohnt länger regungslos auf einer Stelle zu stehen. Mein Kollege geht aufs Klo.

Es kommt eine Ärztin: “Entschuldigen sie das sie warten mussten. Worum gehst es denn?

Ich berichte ihr von unserer Schnitzeljagd in der Klinik und dem Ziel der Selben. Sie entschuldigt sich für das Chaos. (man das geht hier hin und her. patzig-freundlich-patzig-freundlich da kommt ja keiner mit :) ) Dann erklärt sie uns, wo ihrer Meinung nach das Problem liegt also:

Die innere Intensiv im Altbau wird ja umgebaut. Da diese Station wieder in den Altbau zurück soll, ist sie nur provisorisch in einer zu kleinen Ausweichstation im Neubau vorläufig untergebracht. Und weil die ja nun zu klein ist ,gibt es zwei innere Intensiv. Der zweite Teil befindet sich im … na? Genau! Im Altbau, halt nur nicht im zweiten sondern im ersten Stock, dort wo früher die chirurgische Intensiv war.

Mir dreht sich der Kopf.

Ich frage sie ob uns jemand dahin bringen kann, bevor wir uns auf dem Rückweg verlaufen. Gar kein Problem, sie schickt einen Pfleger. NEIN!!! In Anbetracht der Tatsache, dass sich mir gleich 10 Minuten lang “Nein hat er nicht” und “Hat er doch” anhören darf, bitte ich sie uns doch lieber einen anderen Pfleger, als den von eben zu schicken. Sie hat das wohl mitbekommen und nickt grinsend.

Da der Weg zurück in den Altbau ohne Zwischenfälle vonstatten geht (wieder 2 Minuten am Fahrstuhl warten aber da kann ja keiner was für), hebt sich die Stimmung. Es ist Licht am Ende des Tunnels. Beim Betreten der Station kommt uns einen einheimische Rettungsdienstmanschaft von vorne, welche gerade die Station verlässt.

Beim betreten der inneren Intensiv Teil zwei werden wir wie Außerirdische angesehen und es wird uns eine Standartphrase der Kankenhaussprache entgegengeschmettert: “WIR SIND VOLL! Ihr seit nicht angemeldet“. (mein Kollege flüstert ein “Sind wir doch” und muss lachen) Die Kollegen vom Flur haben unser Bett bekommen, weil die von der Station dachten, dass “DIE” “WIR” wären. Gut es ist keinem aufgefallen, dass die Dame die sie gerade bekommen haben kein Mann war, einen kleinen Herzinfarkt hat und ein Polytrauma angemeldet war. Aber wer wird denn auf solche Kleinigkeiten achten, wenn man Leben retten will?!

Wer jetzt mitgezählt hat, weiß, dass wir alleine durch Warten ca. 34 Minuten in dem Krankenhaus zugebracht haben. Mit der Lauferei sind es mittlerweile über 50 Minuten. Mit einem Patienten unter vollem Monitoring und 30 kg Marschgepäck in Form von Notfallrucksäcken. Es reicht!

Ich suche mir den Stationsarzt (oder war es eine Ärztin?.. egal) und fasse (sehr) kurz zusammen was wir hier wollen und wo das Problem liegt und mache dabei sehr deutlich, dass jede weitere Verzögerung zu einem Desaster führen wird. Wir stehen kurz vor einer Amok-Lage. Unser Patient bekommt (zum richtigen Zeitpunkt) wieder Schwerzen und lässt das auch alle wissen. Schmerzmittel haben wir nun auch nicht mehr. Ich verschärfe die Situation um die Aussage “Der Herr baut rapide ab! Ohne Arzt geh wir keinen Schritt mehr!” Die Ober-Ärztin kommt, wirft einen Blick auf den Patienten (sie ist die erste der das einfällt in diesem Haus :!: ) und setzt sich ans Telefon. Nach einer Traumzeit von ca. einer Minute heftigster “Zusammenscheißerei” am Telefon werden wir darüber informiert, dass wir sofort abgeholt werden!

Es dauert auch nur ein paar Minuten, die Tür geht auf und wer steht Gewehr bei Fuß? Dr. House von der Aufnahme. Ich kriege vom Bluthochdruck Kopfschmerzen und lege wieder mein diabolisches Lächeln auf. Diesmal allerdings mit einem Hauch von Triumph. Schweigend legen wir den Weg zurück auf die Notfallaufnahme zurück und bringen unsren Patienten in den Schockraum. Dort gibt es ein kurze Übergabe und endlich sind wir FREI! Nach über einer Stunde. :(

Sicher ist das so extrem die Ausnahme, aber muss das sein Wie der arme Kerl auf der Trage sich gefühlt hat ,will ich ehrlich geasgt gar nicht wissen…

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5 Responses to “Schön wenn alles klappt”

  1. torschtl says:

    und das is genau das schlimme: es geht immer am patienten aus. und das ist einem auch nur so lange ralativ egal, bis man selbst mal auf der trage liegt…

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  2. Chris says:

    Ach, einfach genial. Eben erst Dein Blog gefunden und schon köstlich amüsiert. Echt top!
    Es ist schön zu sehen, daß es auch anderen Kollegen so geht, wir im RD irgendwie viel zu oft wie der letzte Dreck behandelt werden und der Patient letztlich immer der Dumme ist.
    Eins fehlt aber noch: Bei uns hätte uns anschließend die Leitstelle zur Sau gemacht, warum wir so lange brauchen und vermutlich auch schon den LRD darüber informiert ;-)

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  3. dree says:

    na wenn der futzi aus der aufnahme eine angepisste oberärztin an der strippe hat, wird sogar der härteste depp weich^^

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  4. medizynicus says:

    Mensch, da habt Ihr ja wirklich was erlebt! Ich glaube, ich hätte spätestens an der dritten Stelle einfach dem nächstbesten Doc eine Übergabe gemacht und wäre abgedampft…

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  5. *LOL*
    wenns ned so traurig wäre…

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