Nebenwirkungen – Im Notfall keine!

Dieser Ausbruch zaubert jedem medizinisch Interessierten wohl ein Grinsen ins Gesicht. Aber auch Sprachverliebte dürften darüber die Stirn runzeln.

Nur der, von dem das Ding stammt, hat das (bis heute vermutlich) nicht verstanden.

Ich habe lange überlegt ob man sowas bloggen kann oder ob ich es besser lasse. Aber das Heim in dem sich dieser Einsatz abgespielt hat gibt es nicht mehr und an dessen Stelle steht seit Jahren ein schickes Haus mit Eigentumswohnungen. Also wage ich es.

Unser Auftrag lautet wiedermal Leben retten. Reanimation in einem örtlichen Pflegeheim, Patient 96 Jahre. So steht es auf unseren Meldern und ich kann es wiedermal nicht glauben…

Ich treffe mit dem NEF ziehmlich zeitgleich mit dem RTW am Heim ein. Es folgt der Klassiker: Die Meldung dramatisch aber keiner der uns verraten will wo wir hin sollen. Die Eingangshalle ist leer und auch im ersten Wohnbereich ist kein Angestellter zu finden.

Also betrete ich das erst beste Bewohnerzimmer (natürlich habe ich freundlich angeklopft ;) ), gehe auf die Toilette und löse dort Alarm aus. Einmal grün und
zweimal rot gedrückt – es piept im ganzen Haus…

Und schon kommt jemand angerannt. Erst will er mosern aber ich glaube wir sahen nicht so aus als ob wir das hören wollten. Er lässt es und führt uns zu unserer Reanimation.

Die Vorgeschichte liest sich wie das Who is Woh der Krankheiten, unser Patient hat wohl die letzten 10 Jahre das Bett nicht mehr selbstständig verlassen können…

Der Pfleger erzählt, dass der Patient unterzuckert gewesen wäre und man versucht hätte ihm einen Erdbeerjoghurt einzuflößen. Als das auf Grund anhaltender Bewusstlosigkeit nicht klappte, hätte er dem Herrn 40 % Glucose gespritzt.

Die Notärztin: “Wie, sie haben was gespritzt?”
Der Pfleger (arrogant herablassend): “Ich darf das! Ich bin examinierter Krankenpfleger!”

Ich: “Da gratuliere ich doch recht herzlich! Aber ich denke die Kollegin meinte WIE sie das gespritzt haben. Der Herr hat keinen Zugang.”

Der Pfleger (überlegen): “Subkutan! In eine Bauchfalte!”
Die Notärztin (fassungslos): “Sie haben WAS getan? Haben sie schon mal was von Nebenwirkungen gehört?”
Der Pfleger: “Glucose hat im Notfall keine Nebenwirkungen.”
Ich: “Tolles Zeug, weiß wann ein Notfall vorliegt!”

Ich finde diese Aussage genauso schön wie “Die Tabletten nehme ich für meinen zu hohen Blutdruck.” Also ich würde Medikament nur gegen eine Krankheit nehmen, nie dafür. Wäre ja noch schöner.

In Anbetracht des Alters, der Vorerkrankungen und des Bechers Joghurt, also dem Inhalt desselben in der Lunge, gingen wir davon aus, dass die Krankheit des Patienten einen irreversible letalen Verlauf genommen hat.

Wenn ich ganz ehrlich bin habe ich den folgenden Wutausbruch der Notärztin nicht mitbekommen. Da ich die Dame gut kenne bin ich beim ersten Anzeichen für einen solchen Protokoll holen gegangen.
Als ich wieder kam stotterte der Krankenpfleger nur noch dummes Zeug (also wie vorher jetzt aber mit stottern :D )

Glucose ist in dieser Konzentration derartig zellschädigend, dass der Patient (hätte er den Joghurt überlebt) spätestens am nächsten Tag ein oder mehrere faußtgroße, schwarze Löcher in der Bauchdecke gehabt hätte. Was ihn bei seinem ohnehin nicht mehr glänzenden Gesundheitszustand spätestens Übermorgen umgebracht hätte.

Das wäre dem Zeug völlig egal gewesen, ob es beim Notfall in die Bauchdecke gekommen wäre oder aus einem anderen Grund…

Ich weiß nicht genau was aus der Sache geworden ist, da die Notärztin uns kurz darauf verlassen hat. Aber sie hat aufgrund der ungeklärten Todesursache die Kripo hinzugezogen.

Sämtliche beteiligten Personen, der Joghurt und dessen Geschmacksrichtung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie anderen Joghurts jedweder Geschmacksrichtung sind rein zufällig und nicht beabsichtigt – wissen schon…

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