HighTech im Pflegeheim

Bei uns im Beritt gibt es Pflegeheim, dass schon seit einiger Zeit durch seine straff organisierte und solide Pflege für Aufsehen sorgt. So hatte der Eigentümer einen Wachkomapatienten aufgenommen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, dass für die Pflege derartig beeinträchtigter Menschen auch entsprechend qualifiziertes Personal benötigt wird. Der Patient war auf Arbeit verunglückt, was ihn in den “Genuss” einer berufsgenossenschaftlichen Versorgung brachte. Die zahlen richtig viel Geld für die Pflege. Da sind dem Eigentümer des Hauses wohl die Augen übergelaufen.

Für uns hatte das die unschöne Konsequenz diverser, meist nächtlicher, Einsätze der etwas anderen Art. Also jedes Mal ,wenn z.B. das Heimbeatmungsgerät piepte, wurden wir aus dem Bett geklingelt. Mal war es der Stromstecker, der rausgerutscht war, mal die leere Sauerstoffbuddel, die wir wechseln sollten.

Nach einiger Zeit konnte sich der arme Kerl mit Hilfe seiner Angehörigen (und einem KTW von uns) in ein anderes Haus retten, in dem offensichtlich mehr Kompetenz im Umgang mit Wachkomapatieneten vorhanden ist.

Nun ja, mit diesem Patienten scheinen auch schlussendlich die letzten examinierten Pflegekräfte dieses Katastrophenheim verlassen zu haben.

Im letzten Nachtdienst durften wir wieder einmal einen Hilferuf aus eben diesem Heim bedienen.

Stichwort: Herzinfarkt.

Wir eilen also zur Rettung einer 86 jährigen Patienten und werden auch sofort an der Tür empfangen. Auf dem Weg zum Zimmer der Dame erfahren wir erste Einzelheiten und die haben es in sich.

Ich mit meiner Standartfrage: “Was ist denn passiert?

Pflegerin: “Ja also ich war eben bei Frau Weinkeller und habe einen Schnelltest gemacht und der zeigte dann HI (Abkürzung für Herzinfarkt) an.”

Mein Kollege und ich sind baff. Es gibt sogenannte Troponin-Tests, mit deren Hilfe man schnell und ohne Labor einen Indikator für Herzinfarkte, das Troponin, bestimmen kann. Diese Dinge sind teuer! Mit gut 100 € pro Stück für dieses Heim eigentlich zu teuer. Wir sind also skeptisch…

Im Zimmer sitzt die Dame im Nachthemd auf der Bettkante. Ich frage sie wie es ihr geht und was denn los sei.

Dame: “Ich bin ein bisschen schlapp. Aber mir geht es eigentlich gut. Sind sie der Freund meiner Tochter?
Ok die Frage kann ich verneinen, ohne zu wissen wer ihre Tochter ist…
Ich: “Haben sie Schmerzen?
Dame: “Nein, aber kennen sie meine Tochter?
Grrr die Tochter einer 86 jährigen interessiert mich um 22:20 Uhr nicht wirklich. (und auch sonst eher weniger)
Ich: “Nein ich kenne ihre Tochter nicht. Haben sie denn schlecht Luft bekommen?
Auch dies wird verneint. Das EKG zeigt sich altersadäquat.

Nun wende ich mich der Pflegerin wieder zu.
Ich: “Wie war sie denn vorhin?
Pflegerin: “Genauso. Ein bisschen müder, ich musste sie wecken.
Wir werden wieder stutzig
Ich: “Und was hat sie veranlasst eine Trop-Test zu machen?
Pflegerin: “Das steht bei der Dame für 22:00 Uhr in der Anordnung vom Arzt.

Bitte? Die will mir jetzt nicht erzählen, dass sie hier bei jedem Bewohner 3 mal am Tag für 100 € einen Test machen?!

Ich: “Sie machen hier regelmäßig, einfach so Trop-Tests?
Pflegerin (mit stolzgeschwellter Brust): “Jhaaaa, das ist hier Standart!

Mein Kollege muss kichern und ich bin verwirrt. Das glaub ich nicht!!!
Ich: “Holen sie mir doch bitte mal den Test.
Sie stapft etwas empört weg (wie kann ich an den hohen Standards dieses renommierten Hauses zweifeln).

Wir tuscheln in der Zeit und rätseln was nun kommt.
Die Pflegerin kommt zurück und präsentiert mir (immer noch vor Stolz fliegend) ihren Troponin-Test.
Mein Kollege fängt sofort an zu kichern und versucht dies zu unterdrücken. Es klappt nicht und er verlässt das Zimmer.

Ich muss nach Worten suchen. 1…2…3
Ich: “Gute Frau……. Das was sie da in der Hand halten ist ein Blutzuckermessgerät! Wie kommen sie auf den Bolzen, dass ihnen ein BZ-Gerät verraten könnte, ob jemand einen Herzinfarkt hat oder nicht?
Sie ist nicht mehr ganz so sicher im Auftreten: “Da stand “HI” im Display?!
Mein Kollege kollabiert auf dem Flur…

Ich muss mich setzten. Dann nehme ich unser BZ-Gerät besorge mir einen Tropfen Blut von der Dame und siehe da, der Blutzucker liegt weit über dem Normalwert (für Insider 487 mg/Dl).
Dann habe ich der Pflegerin genau das erklärt, was ich jetzt auch den Lesern hier erkläre:
Ein BZ-Geräte hat einen Messbereich der von-bis geht. Liegt der Wert unter “von” zeigt das Berät “LO” für low und liegt er über “bis” zeigt es na…. hat es einer…. “HI” für high
Da unser Gerät einen höheren Messbereich hat, als das Gerät im Heim, bekamen wir einen Wert und die Pflegerin “HI”.

Ich frage also die Pflegekraft, ob die Dame Diabetes hat. Jau den hat sie wohl (ach).
Mein Kollege hat wieder zu sich zurück gefunden und bittet die Pflegerin, die Akte der Dame zu holen.

Dort finden wir diverse Eintragungen von Pflegekräften, die wussten was sie machen, wonach dieser Zustand als “regelmäßige” Entgleisung zu bezeichnen ist. Und dann lese ich etwas und könnte weinen. Normalerweise hätten wir jede andere Dame um diese Uhrzeit ins Krankenhaus bringen müssen, dort hätte sie Insulin bekommen und wäre vermutlich noch in der gleichen Nacht wieder nach Hause gekommen. Keine schöne Sache mitten in der Nacht.

Diese Dame hat aber Glück (nur das falsche Heim). Ihr Hausarzt hat erkannt, dass da nichts mehr ist mit Einstellen und weist das Pflegepersonal schriftlich an, bei einem bestimmten Zuckerwert eine bestimmte Menge Insulin zu spritzen.
So tun wir.
Und fertig!
Gute Nacht Frau Weinkeller…

PS: Meine Frage was die Pflegerin getan hätte, wenn da LO gestanden hätte, blieb leider unbeantwortet. Vielleicht ein LungenÖdem???

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15 Responses to “HighTech im Pflegeheim”

  1. Crafty says:

    Bitte sag, dass du dir das ausgedacht hast.

    Mir stellt sich die Frage, ob das eine Fachkraft war, die euch da begegnet ist. Wenn nein – wo war die verantwortliche Fachkraft. Wenn ja, dann fehlen mir die Worte.

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  2. Stefan says:

    Das hast Du dir ausgedacht, oder?

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    RetterBlogger Reply:

    äh… Nö! Sowas ist doch schon fast normal ich kann mich an einen Fall erinnern wo ein Duo aus exam. Krankenpfleger und Altenpflegerin einem Bewohner G40 s.c. gespritzt haben… Oh das wir ein Post da war ja noch mehr… :lol:

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  3. Ghettomaster says:

    Das war dann aber keine examinierte Pflegefachkraft aus dieser Dekade, oder?

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    RetterBlogger Reply:

    Aus dem letztem Jahrtausend war sie schon :) Ich habe sie nicht gefragt ob sie exam. ist oder nicht, aber sie war alleine im Haus wie sie sagte…

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  4. Chris says:

    Hihi, sowas ähnliches hatten wir auf meiner ehemaligen Wache auch schon mal, ist also kein Einzelfall. Solch hochkompetentes Pflegepersonal ist schon was feines. Wenn sie dann mit irgendwelchen Fachausdrücken um sich schmeissen, hypo und hyper verwechseln oder irgendwelche Abkürzungen falsch deuten.

    Wobei es auch Ärzte gibt, die sowas schaffen! In dem von mir erlebten Fall wars aber nicht der BZ, sondern das Pulsoxy, was falsch gedeutet wurde. Da wurde dann mal einfach die 94er Frequenz zur Sättigung gemacht und eine Sätting von 54% war die Frequenz. Is schon scheisse, wenn man die eigenen Geräte nicht ablesen kann. Aber dann stand sie die ganze Zeit dabei und wollte uns gute Ratschläge geben.

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    RetterBlogger Reply:

    Wobei man fairer Weise sagen muss: Alles was Du hier aufgezählt hast passiert regelmäßig auch Rettungsassistenten! (bis auf die Verwechslung von BZ- und Troptest den haben wir ja nicht! Ansonsten bin ich mir sicher würde sowas auch vorkommen ;) )

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  5. Fischkopp says:

    Nun ja, mein Doc im letzten NEF-Dienst erzählte von einer Pflegekraft, die sich aufs heftigste mit ihm angelegt hat (und nicht zu überzeugen war, naja, was sind schon 8 Semester Medizinstudium gegen 24 Monate Altenpflegeausbildung?) – es ging ebenfalls um das leidige, schwierige, komplexe und kaum zu durchblickende Thema “Blutzucker”:

    Patientin im Pflegeheim, tiefst bewußtlos, bekannter Diabetes, das BZ-Gerät vom Rettungsdienst zeigt “LO” (bei einer Untergrenze von 12 mg/dl erwartet man das höchstens bei Leitungswasser…). Durch Zufall hatte der Kollege NEF-Assistent noch ein Röhrchen von diesen altmodischen Teststreifen auf Tasch, wo man (ohne Elektronik) nur einen Blutstropfen aufträgt, wartet, abwischt, wartet, und dann die Verfärbung mit einer Farbtabelle abgleicht – zum groben Einschätzen reicht das ja. WENN sich das Ding denn verfärbt…

    Im Verlauf stellt sich dann heraus: die Pflegerin hatte den BZ kontrolliert, weil die Patientin so schläfrig war. Ergebnis: 40 mg/dl. Danach hat sie ihr ein Stückchen Traubenzucker unter die Zunge gelegt (und Glück gehabt, daß die Patientin das nicht als Bolusangebot angenommen hat…) und ungefähr eine Minuet später erneut gemessen. Wert: 40 mg/dl.

    Sich an ihre letzte Fortbildung erinnernd kam die Pflegerin dann drauf, daß bei Zuckerproblemen ja entweder Zucker hilft oder Insulin – nun, und Zucker half ja ganz offenbar nicht. Konsequenterweise hat sie der Dame also einen ordentlichen Schuß Insulin verabreicht, zur Sicherheit diesmal aber nicht nur eine Minute gewartet, sondern zwei Stunden…

    Wie schon gesagt, sie wollte partout nicht einsehen, daß der Notarzt irgendwie mehr von dem Thema verstehen könnte, als sie selbst. Ich werde das mal beobachten und schauen, was die (vom Doc verständigte) Heimaufsicht daraus macht…

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    Crafty Reply:

    Und das hat die Patientin überlebt?!

    Eine wirklich bittere Geschichte.
    Die Ausbildung zum Altenpfleger dauert heutzutage übrigens genau so wie die zum Gesundheits-/Krankenpfleger idR 3 Jahre (was gemessen an den Anforderungen die an Pflegefachkräfte heute gestellt werden allerdings IMHO deutlich zu wenig ist). Trotzdem – sowas wie oben beschrieben darf nicht passieren.

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    retterblog.de Reply:

    Naja wenn man sich die Anforderungen an einen RettAss ansieht (auch wenn es da Fischköppe gibt, die das u.U. anders sehen ;) ) ist die Ausbildung zum RettAss ein Nullnummer! Dieser Beruf lebt nur von der Erfahrung… Die Ausbildung kann es jedenfalls nicht sein…

    Fischkopp Reply:

    Ja, sie hat es überlebt; cerebrale Folgeschäden sind aber auch nur deshalb nicht festzustellen, weil die Birne vorher schon nur noch recht dunkel glimmte…

    Und was die Ausbildungszeit angeht – 36 Monate zu lediglich 8 Semestern – da ist es ja erst recht kein Wunder, daß der Arzt keine Ahnung hat – 36 ist ja mehr als viermal so viel wie 8.

    Schließlich zum retterblog-reply: Klar ist die RettAss-Ausbildung eine Nullnummer und der Beruf lebt von Erfahrung. Jedoch nicht nur von Erfahrung, sondern auch von anderen Faktoren: soziale Kompetenz, gesunder Menschenverstand, realistische Selbsteinschätzung, um nur drei davon zu nennen. Das alles vermag aber keine Schule zu vermitteln und auch kein Anleiter, der in einem Crashkurs zum Lehr-RettAss hochdekoriert wurde. Solange wir uns im RD überwiegend gegenseitig und ziemlich kontrollfrei selbst ausbilden, kann es eigentlich immer nur noch etwas schlechter werden.

    Gute Ausbildung fängt eben bei der Auswahl der richtigen Menschen an.

    Christoph Robin Reply:

    8 Semester Medizinstudium? Wo lebt den ihr? Also bei uns im Süden der Republik sind das mal locker 13 Semester Regelstudienzeit – und die meisten brauchen dann doch mehr. Eigentlich dachte ich mal, dass das bundeseinheitlich so sei. Aber bei euch kommt die Krankenpflegerin und auch der RA schon nahe ran an den Arzt ;-) .
    Vielleicht solltet ihr euch mal die genaue Bedeutung von “Semester” anschauen (kleiner Tipp: 2 Semester = 1 Jahr).
    Viele Grüße

    RetterBlogger Reply:

    Kann mir mal einer verraten, warum das Posting eines einzelnen immer öfter Reaktionen im Plural aus lösen?
    Meine Fress nervt mich das an : Hast Du ein Problem mit der Meinung eines Lesers meines Bloges sprich ihn an! Und verkneif Dir Stereotypen . Es sind ja auch nicht ALLE Ärzte unfähige, arrogante Wichtigtuer…

  6. retterblog.de says:

    @Fischkopp: That it is!

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  7. Schlafhut says:

    *lassesnichtwahrsein* *mitdemKopfandieWandklatsch*

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