Eisbein mit Sonderrechten

Vor kurzem frug Chris von krangewarefahrer.de was denn wohl so die banalsten Einsatzgründe der Leser waren. Ich habe mich mit einfachen Kopfschmerzen an dieser “Umfrage” beteiligt.

Würde er das nochmal starten wären die Kopfschmerzen gegen meinen letzten Nachtdiensteinsatz direkt lebensbedrohlich.


Nachts irgendwo in Deutschland auf einer Rettungswache, grelles Licht und unerbittliches piepen bereiten dem Schlaf ein jähes Ende.

Ein verquollener Blick auf den Melder verrät sofort die Dramatik hinter dem Weckruf. “Unklarer Einsatzgrund/Hilfeersuchen durch Dritte, Sonderrechte”

Puha!

Wir eilen zur Hilfe!

Ein Dame Mitte, Ende 60 öffnet die Tür und führt uns zu ihrem Mann. Der sitzt im Wohnzimmer nur mit dem Schlafanzug bekleidet und reibt sich die Wade.

Ich: “Was ist denn passiert?” (wo bei das Interesse mehr geheuchelt ist. Er sieht nicht krank aus, verhält sich nicht krank oder beeinträchtigt aber man weiß ja nie)

Er: “Ich bin gegen 02:00 Uhr aufgewacht weil ich einen Wadenkrampf hatte.”

Er blickt mich mit einer Art an, die mir wohl sagen soll “Das ist zwar schon gaaaaanz schlimm aber es kommt noch viiiiielllllll schlimmer”. Nach einer dramaturgischen Pause fährt er fort:

“Und jetzt habe ich kalte Füße!”

Ich: “Wie Bitte?”

Er: “Meine Füße sind kalt! Das kenne ich sonst nicht!”

Ich: “Sie haben kalte Füße und sonst nix?” (während ich ihm die Frage stelle taste ich nach den Fußpulsen, alles OK. So’n Gefäßverschluss macht auch irgendwie richtig Schmerzen und zeitgleich in beiden Beinen hab ich das auch noch nicht gesehen)

Er: “Was heißt sonst nix? DAS ist nicht normal bei mir!”

Ich: “Haben sie es mal mit Socken probiert? Mal so’n Tipp aus der Praxis. Oder ‘ne Wärmflasche, das mache ich immer. Ist aber eher was für Fortgeschrittene.”

Er: “Ich glaube sie nehmen mich nicht ernst.”

Ich: “Nix für ungut, aber wie sollte ich? Es ist kurz vor drei, ein erwachsener Mann ruft den Rettungsdienst weil er kalte Füße hat und keine anderen Beschwerden. Mal ganz ehrlich: Wie sollte ich Sie da ernst nehmen?”

Jetzt mischt sie sich ein: “Das kann auch ein Schlaganfall sein!”

Ich: “Wie kommen Sie denn darauf?”

Sie: “Das habe ich im Fernsehen gesehen!”

Ich will gar nicht wissen welche Serie das war. Wie kann jemand ohne fremde Hilfe fast 70 werden und nicht mit kalten Füßen klar kommen? Wenigstens gibt sie sich Mühe die Erkrankung ihres Mannes zu dramatisieren damit wir uns nicht ganz so verarscht vorkommen. Find’ ich nett von ihr, klappt aber nicht.

Wie auch immer, er versteht meine Gelassenheit überhaupt nicht! Schließlich hat er ja kalte Füße! Er besteht auf einen Transport ins Krankenhaus. Auch mein Kollege versucht ihn noch davon abzuhalten aber es hilft nix. Wir müssen diesen Typen mitnehmen! “Ich habe einen Anspruch darauf!” Mein Kollege kontert mit: “Und wir müssen den Scheiß bezahlen!”

Die aufkeimende Diskussion, wer was bezahlt und wer für was Geld bekommt würge ich ab.

Aufstehen, anziehen der Bus ist da… und Abfahrt.

Im Übrigen hat er im Krankenhaus vom Internisten, von der Schwester, vom Pfleger und ich glaube von der Putzfrau auch, mal so richtigen einen Anschiss kassiert! Die nehmen ja alle kein Blatt vor den Mund.

Ach und er hatte natürlich nix, außer kalten Füßen…

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9 Responses to “Eisbein mit Sonderrechten”

  1. ganz ganz dünnes Eis…so mit einem Pat. zu reden..kann auch ganz schnell nach hinten los gehen. Ich muss aber auch sagen..ich kann dich voll kommen verstehen…verarscht werden..macht keinen Spaß….

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    RetterBlogger Reply:

    Wenn die mitten in der Nacht den Rettungsdienst, rufen müssen die mit Offenheit rechnen ;) und solange das alles ohne Beleidigungen abgeht ist noch alles im grünen Bereich. Denk ich…

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  2. Anna says:

    Jetzt hab ich aber auch Kopfschmerzen. Geile Geschichte.

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  3. Kopf –> Tischkante

    respekt für deine Offenheit gegenüber dem Pat.. Die würde ich abundzu auchmal gerne haben, und den Pat mal so richtig den Kopf zu waschen.

    Aber ich kenne da ein Mittel: Nennt sich Selbstzahler! ;-)
    Einfach den Arzt dazu bringen, das er den Transportscheinnnicht unterschreibt, ins Protokoll schreiben und zack, darf der Pat sich das Taxi selbst bezahlen… fertig die Sache!

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  4. Chefarbeiter says:

    Ohne Worte… Einfach nur ohne Worte…

    Spätestens bei “Ich habe einen Anspruch darauf!” hätte ich ganz stark über Umdrehen und Gehen nachgedacht…

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  5. Ich wüsste auch nicht, ob ich dem Patienten gegenüber so direkt meine Kritik äußern würde. Wie @alltagimrettung das schon gesagt hat, das kann auch mal böse ins Auge gehen und wegen so nem Typen beim Chef anzutanzen muss auch nicht sein.
    Aber bevor ich den Typen auch nur einen Meter transportiert hätte, hätte er erst mal eine Kostenübernahmeerklärung unterschreiben können. Denn so mancher Internist stellt dann auch mal keinen Trapo aus, da es ja letztlich keine medizinische Indikation gab.

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  6. Vitalfunktionsmechaniker says:

    RetterBlogger, Ich gebe dir zwar recht, das das ein Scheiß-Einsatz war, aber wenn du und dein Kollege wirklich in dem Ton mit dem Patienten (wie du sagst 70 Jahre aufm Buckel) gesprochen habt/hast und sich der “arme ältere Herr” bei deinem RDL beschwert hätte, die schriftliche Verwarnung wäre deine gewesen/ die deines Kollegen gewesen. So beschissen Dumm und Dummdreist manche Patienten auch sein mögen, so sehr sie uns auch in den geistigen Wahn treiben und uns des Nachts in unseren unzensierten Wunschträumen einen 9 mm Meinungsverstärker zum Einsatz bringen lassen, dennoch sind es Patienten, die wegen eines wenn auch noch so banalen gesundheitlichen Problems die 112 gewählt haben, unsere “Kunden” deren Leiden wir, auch wenn es noch so Banal ist, ernst nehmen müssen. Leider ist das so. Ändern wird es sich erst, wenn generell die Rettungsdienstkosten ( wie zb in der Schweiz) privat bezahlt werden müssen, dann hört so etwas auf.

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  7. Auch wenn es hier nun einige gibt, die das anders sehen: Ich sehe keinen sinnhaften Grund warum man diese Menschen in Glauben lassen sollte, sie hätten das Richtige getan.
    Ich wüsste auch nicht aus welcher Verpflichtung heraus es sich ergibt, dass man solchen Leuten nicht mal ehrlich ins Gesicht sagt, was das gerade für Blödsinn ist den sie da verzapfen.

    Unsere Kunden sind Menschen die Hilfe brauchen. Wie auch immer diese Hilfe aussehen mag. Zu einer alten Dame die aus dem Bett gefallen ist und nicht wieder hochkommt fahre ich gerne zum wieder ins Bett legen. Die braucht wirklich Hilfe und wenn sie niemanden sonst hat der hoch helfen kann ist das unser Job. Diesen Menschen kann ich aber nicht helfen wenn ich mit so einem Scheiß unterwegs bin!

    Ganz theatralisch gesagt: Wenn im Haus nebenan ein Kind blau angelaufen wäre, hätte es mindestens 20 Minuten länger auf einen RTW warten müssen. Wir sind der RETTUNGsdienst und nicht die Lebenshilfe! Und in ländlichen Gebieten steht nun mal nicht an jeder Laterne ein RTW.

    Und ich bin mir ziemlich sicher, dass bei uns Ehrlichkeit nicht mit einer Abmahnung/Verwarnung geahndet wird.

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  8. grosstadtsanitaeter says:

    Da ich diese elendige Dienstleistungsdiskussion nicht mehr hören kann, mal ganz kurz mein Senf dazu, da ich deine Reaktion mehr als gut nachvollziehen kann.

    Nein, wir sind eben kein Dienstleister wie die Dame hinter dem McDonalds-Schalter, die sich tatsächliche jede Frechheit ihrer Kunden anhören muss.

    Punkt 1, wir haben Patienten, keine Kunden. Wer bei uns nicht als Patient erscheint, da offensichtlich nicht krank, wird auch nicht zu einem unserer Kunden.

    Punkt 2: Wir machen keine Dienstleistung, wir haben den Auftrag kranken Menschen, vor allem kritisch Kranken Menschen zu helfen. Und jeder Anrufer der uns wegen seinem Stuss, den er selbst am nächsten Tag dem Hausarzt erzählen kann oder selbst ins Krankenhaus fahren kann anruft, hält uns von unserem Auftrag ab. Und schwupps ist selbst in der Wache mit 2 oder mehr RTWs kein Fahrzeug mehr für einen wirklich kranken Patienten.

    Unterpunkt: Je mehr Blödsinn und je weniger “echte Kranke” ich sehe, desto weniger gut kann ich die “echten Kranken” abarbeiten, da mit die Erfahrung fehlt. Auch da stehen mir die Anrufer wegen Quatsch im Weg.

    Punkt 3: Wenn ich dafür die Abmahnung oder das Gespräch mit einem der Idioten suchen muss, die diesen Blödsinn mit der Dienstleistermentalität die ganze Zeit predigen, weil sie im BWL Studium nur ein Praktikum bei McDonalds gemacht und davor nur Singen und Klatschen in der Schule hatten, dann mache ich das gerne. Das ich das auf mich nehme bin ich den Patienten schuldig, die wirklich meine Hilfe brauchen.

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