Alle Jahre wieder…

In kaum einer Zeit im Jahr liegen Freud und Leid so dicht beieinander wie in der Weihnachtszeit.
Dies gilt wohl im Besonderen für Heiligabend.

Wenn für viele die schönste Zeit des Jahres beginnt, beginnt für ebenso viele eine Zeit voller Enttäuschungen und Demütigungen. Und dies trifft dann oft die Menschen, welche es uns erst ermöglicht haben Weihnachten so zu feiern, wie wir es tun. In Frieden und relativem Wohlstand.
Ich rede von den Alten!
Jedes Jahr werden wir zwangsweise Mittäter bei einem weihnachtlichen Ritual,  welches wir “Abschiebehaft” nennen.



Wenn also die angeordnete Gemütlichkeit Einzug hält, stören selbst die Alten,  die bis dato noch das mehr oder weniger zweifelhafte Glück hatten,  zu Hause bei der Familie leben zu dürfen.
Sie werden mit Hilfe unseres Gesundheitswesens für die Dauer der Feiertage aus dem Verkehr gezogen.
Dabei scheint es unter den Abschiebehaftveranlassern einen geheimen Wettbewerb zu geben. Es gilt offensichtlich “Je fadenscheiniger die Begründung für eine unabwendbare Krankenhaus Einweisung, desto mehr Anerkennung unter Gleichgesinnten”!
Wir erfassen dann die Kernaussage und übergeben dann die Patienten im Krankenhaus mit den Worten: “Opas Sessel steht im Weg. Da soll der Weihnachtsbaum hin.”

Für die Angehörigen ist dies ein Lottospiel, denn je nachdem welcher Arzt im Krankenhaus Dienst hat ,kann es passieren, dass wir den älteren Herren oder die Dame postwendend wieder zurückbringen.
Nicht nur,  dass mich dieses Spielchen absolut nervt, es ist auch irgendwie nicht die Aufgabe eines Rettungsdienstes.

Kurz nach dem Mittag am 24.12. war es dann auch für uns soweit. Wir wurden von einem Herrn verständigt, seinem Vater ginge plötzlich gaaanz schlecht.

Der ältere Herr saß also in seinem Sessel und wusste wirklich nicht, was er auf meine Frage “Was ist denn los?” antworten sollte, außer “Mir fehlt nichts!”.
Der Sohn hingegen hatte sich schon was zurechtgelegt.
Sohn: “Sehen sie ihn sich doch mal an! Dem geht es doch nicht gut!”
Ich: “Was genau meinen sie jetzt? Das Alter oder die Jahreszeit?”
Sohn: “Nun werden sie mal nicht komisch! Mein Vater baut seit Tagen ab und es geht ihm immer schlechter!”
Ich: “Können sie das ‘Es geht ihm immer schlechter’ etwas eingrenzen?”
Sohn: “Nein! Der muss mal gründlich durchgecheckt werden, so geht das nicht weiter!”

Als ich gerade Luft holen wollte, um dem Sohn zu erklären, dass ein Krankenhaus keine TÜV-Station ist, mischt sich der ältere Herr ein.
“Lassen sie mal gut sein, ich komme einfach mit und alle habe ihre Ruhe…”

Ohne zu wissen warum, fahren wir also ins Krankenhaus.
Ich telefoniere währen der Fahrt mit dem Arzt im Krankenhaus und bitte ihn uns zu erwarten. Unser “Patient” schweigt während der Fahrt.
Im Krankenhaus unterhält sich der Arzt mit ihm. Schnell wird auch hier deutlich, dass dem Mann nix fehlt außer vernünftige Verwandtschaft. So berichtet er z.B. davon, dass er gerne in ein Heim (!) wolle, weil er das Gefühl hat, zu Hause nicht willkommen zu sein (ach). Sein Sohn aber will das Geld dafür nicht aufbringen…

Wir fahren den Guten wieder zurück.
Auf dem Rückweg gesteht mir unsere Praktikantin von dem Sohn 20 Euro Trinkgeld angenommen zu haben. Na toll… auch das noch.

Als wir klingeln macht keiner auf. Das gibt es doch wohl nicht. Licht brennt auch im Haus. Die spinnen doch!
Mein Kollege geht ums Haus und ich kann vorne die Diskussion durchs Fenster mithören. Widerwillig wird uns also geöffnet.
Ich: “Was war das denn für ne Nummer gerade?”
Sohn: “Das gleiche könnte ich sie fragen!”
Ich: “Also wir bringen ihren Vater wieder. Sie können sich freuen, er ist nicht kranker geworden!”

Wir wollen den Herrn zu seinem Sessel bringen. Der ist weg!!! Zwar steht an der Stelle nicht der Weihnachtsbaum, aber er scheint dennoch gestört zu haben. Ich bin echt sprachlos.

Mein Kollege wünscht dem Opfer dieser Demütigungstour “ein, unter diesen Umständen soweit überhaupt möglich, frohes Fest”.
Ich knalle dem Sohn noch die zwanzig Euro auf den Tisch und wir verschwinden.
Nun ist unsere Stimmung auch im Arsch. Wir sind fassungslos. So was gibt es doch wohl nicht.

Egal. Es ist kurz vor 14:30 Uhr und in einer halben Stunde ist Feierabend.
Da meldet sich die Leitstelle.
“Könnt ihr noch einmal vom Konfuziusheim nach Hintertupfingen?”
Ne ne. Das is mehr als eine Überstunde. Nicht Heute!
Das Telefon klingelt.
Leitstelle: “Der sollte eigentlich gegen Mittag schon gefahren werde, wie ihr bemerkt hab, ist viel los und nun fragt die Familie ob wir das wenigsten zum Abendbrot schaffen. Die möchten mit dem Opa gerne Weihnachten feiern?!”

Grrr. *Wunden-Punkt-ziehlsicher-getroffen*
Mein Kollege nickt und wir fahren.
Die Geschichte die nun folgt kann gegensätzlicher zum Einsatz davor nicht sein.

Herr Schmidt, den wir jetzt im RTW haben, ist vor einem dreiviertel Jahr in eine betreute Wohneinrichtung für Senioren gezogen. Er ist zwar noch recht selbständig gewesen aber ohne Hilfe ging es auch nicht mehr. Da er seinen Kindern nicht zur Last fallen wollte zog er halt in die Einrichtung und war dort auch zufrieden.
Vor ein paar Monaten dann stelle man bei ihm Knochenkrebs fest und innerhalb kurzer Zeit war er querschnittsgelähmt. Also ging es ein Haus weiter in die Pflegeabteilung dieser Einrichtung.

Er erzählt von seiner Familie, wie toll die alle sind und dass dies vermutlich sein letztes Weihnachten wird da er keine Therapie mehr machen möchte. Seine Familie will ihn aber über Weihnachten zu hause haben – alles soweit gut. Er fragt wie lange wir noch müssen heute, ich sage ihm, dass wir eigentlich schon Feierabend haben. Wir schnattern ein bisschen.

In Hintertupfingen wird unser Auftauchen bemerkt, so dass die Tür schon offen steht und mein Kollege sich die Gegebenheiten anschaut um zu erkunden, wie wir am besten rein kommen.
Als er zurück kommt grinst er. “Das glaubst du mir nie!”

Wir bringen Herrn Schmidt ins Haus. Durch die Diele ins äh.. Esszimmer?! Ok wegen mir.
Im Esszimmer steht eine gedeckte Tafel und am Stirnende eine Pflegebett!
Ich: “Das ist ja mal ein riesen Aufwand für zwei drei Tage”
Tochter: “Wieso zwei drei Tage? Pap bleibt jetzt hier!”

Herr Schmidt wusste davon gar nichts. Es war sein Weihnachtsgeschenk. Die Tochter geht nur noch in Teilzeit arbeiten damit sie ihren Vater pflegen kann. Er soll (so wörtlich) “im Kreis der Familie sterben können und nicht bei fremden Menschen!”
Jeder von uns erhält noch ein kleines Päckchen mit was Süßem.

Wir fahren mit einer Stunde Verspätung in den Feierabend aber unsere Stimmung ist gerettet…

Tags: , , , , , ,

5 Responses to “Alle Jahre wieder…”

  1. Matze says:

    Die zweite Geschichte ist doch erfunden, oder? Dass es solche Menschen noch gibt…

    antworten

    RetterBlogger Reply:

    Nein ist sie nicht (Gott sei dank).
    An einem Tag, hintereinander!
    Das Einzige was ich verschwiegen habe ist die Schnapsleiche, die wir zwischen den beiden Einsätzen noch bearbeitet haben…

    Was mich aber sehr traurig stimmt ist der Umstand, dass unsere Gesellschaft offensichtlich soweit von einem menschlichem Umgang miteinander weg ist, dass man so viel herzliche Freundlichkeit gleich für unmöglich hält! Noch vor 20-30 Jahren war sowas normal…

    antworten

  2. Ich hatte über Weihnachten DIenst im KRankenhaus. Es ist traurig, wie wenig Patienten an Heiligabend Besuch bekommen haben…

    Meistens sind das die richtig kranken. Die, die nur nen Leistenbruch o.ä. haben, kriegen die komplette Verwandtschaft zu Besuch.

    Traurig aber wahr…

    antworten

  3. m. tubert says:

    Ich finde die erste Geschichte mit dem Sohn, der seinen Vater los werden wollte einfach abscheulich.
    Für ein derartiges Verhalten habe ich kein Verständnis und keine Worte.
    Gibt es da nicht die Geschichte, wo der Großvater, weil er beim Essen etwas gekleckert hat in die Ecke gesetzt wird mit einem Holzteller und als dann die Enkelkinder des Großvaters an einem Holz schnitzen fragen die Eltern,wozu das sei und die Kinder antworten “das wird ein Teller für euch, wenn ihr alt seit” ?!

    Zum Glück gibt es aber auch so Fälle, wie den zweiten. Ich muss wirklich sagen, dass mir beim lesen des zweiten Falles die Augen feucht geworden sind.
    So sollte es doch überall sein, nicht weil die “älteren” Herrschaften “lästig” geworden sind einfach abschieben, sondern diese haben gerade Zuwendung und Liebe verdient, gerade auch an solchen Tagen.

    antworten

  4. SteveHH says:

    Leider ist es oftmals so, das die “Alten” unter fadenscheinigsten Argumenten über Weihnachten ins Krankenhaus müssen. Aber was meint Ihr wieviele Pflgeheime schon von uns zu dieser Zeit leergeräumt wurden ? Auch da ist es teilweise durchaus Usus, das man die Feiertage etwas “ruhiger” angehen lassen will … und da stören halt die schwereren Pflegefälle … die Unterzuckern dann mal eben oder bekommen Probleme mit dem Katheter oder oder oder … gründe den Rettungsdienst zu holen gibt es genug – und der Gipfel der Frechheit ist, das 90% der Menschen, die wir da rausgeholt haben die Windel noch voll hatten.. Selbst das hat das “Pflegefachpersonal” nicht auf die Reihe bekommen .. Aber den zweiten Bericht finde ich auch schön :) )

    antworten

Leave a Reply